Wasser

Als die Frau das nächste Mal die Augen aufschlug, waren das Haus und die Veranda verschwunden. Ebenso der Schaukelstuhl, der Vater und der Mann. Es gab nur noch die Stufe und das Geländer, an das sie sich gelehnt hatte.

Sie konnte das Holz unter sich fühlen und die Geländerstäbe, die sich in ihren Rücken drückten. Sie blinzelte. Die Sonne stand nun hoch am Himmel, und das erste Mal, seit sie unterwegs war, wärmte sie. Nicht heiß, aber lauwarm.

Sie stand vorsichtig auf und streckte sich. Sie schaute sich um. Weit und breit kein Haus, kein Baum. Nur die unendliche karge Landschaft und der wolkenlose blaue Himmel. Sie tastete hinter sich nach dem Geländer und stellte fest, dass auch dieses verschwunden war.

Auch die Stufe war weg.

Es gab nichts, woran sie sich noch orientieren konnte. Nicht einmal die senkrecht am Himmel stehende Sonne warf einen Schatten.

Die Frau stand. Wer weiß, wie lange.

Kein Laut war zu hören, kein Lüftchen bewegte sich. Stehen war anstrengend. Sie setzte sich auf den grauen Boden. Die Luft war seltsam dünn geworden, so als würde auch sie verschwinden.

Sie wartete. In ihr stellte sich das altvertraute Gefühl ein. Der Hals eng. Die Arme schwer. Zu wenig Sauerstoff, um zu leben. Zu viel, um zu sterben.

Doch ihr Herz schlug weiter. Erstaunlich zuverlässig.

Sie holte Luft, so tief sie konnte. Rang ihr das bisschen Sauerstoff ab, das noch da war. Als sie merkte, dass auch Sitzen zu anstrengend war, legte sie sich flach auf den Rücken und starrte in das endlose Blau des Himmels.

Sie atmete, was da war, und blieb liegen.

Sie spürte einen Stein unter ihrer Hand und griff danach. Sie fühlte seine Schwere in ihrer Handfläche, froh, wenigstens das zu haben.

Warum bewegt sich die Sonne nicht, fragte sie sich. Warum bleibt alles so, wie es ist? Während sie das dachte, merkte sie eine kleine Bewegung.

Als gäbe die Erde unter ihr nach.

Ein Apfel wäre jetzt schön, dachte sie. Oder ein Glas Wasser. Mit Bedauern erinnerte sie sich an das Glas, das sie dem Mann aus der Hand geschlagen hatte.

Die Erde unter ihr gab ein wenig weiter nach.

Ihr Nacken begann zu schmerzen und auch ihr Rücken. Sie rollte sich auf die Seite.

Die Landschaft war unverändert.

Sie schob ihren Arm unter ihre Wange und winkelte das Bein an. Den Stein hielt sie fest in der Hand.

Als sie so eine Weile gelegen hatte, merkte sie, dass ihr Körper doch einen kleinen Schatten warf. Sie wandte ihren Blick zur Sonne. Tatsächlich, sie hatte sich ein Stück bewegt. Sie hob den Kopf und ließ ihren Blick über die Landschaft wandern. War sie immer noch so grau oder hatte sie etwas Farbe bekommen? Sie war sich nicht sicher.

Erschöpft ließ sie den Kopf sinken. Ein weiteres Mal gab die Erde unter ihr nach und sie versank ein wenig tiefer im Boden.

Wäre ich lieber ein Stein oder Erde? fragte sie sich vage. Am liebsten wäre ich Wasser, schoss es ihr durch den Kopf. Wieder sah sie das Glas Wasser vor ihrem inneren Auge. Suchend schaute sie sich um, ob sie das Glas noch irgendwo sah.

Nichts.

Sie ließ den Kopf sinken und drehte sich wieder auf den Rücken. Die Sonne stand immer noch hoch.

Wo war der Mann, wenn man ihn brauchte?

Der Vater.

Die Mutter.

Verdammt.

Sie rollte sich herum, bis sie auf allen vieren war. Sie zog die Kniee unter sich und stützte den Kopf auf die Arme.

Sie fluchte. „Wasser, verdammt. Wo ist das Wasser?“

Sie ließ sich zurücksinken, bis sie flach auf dem Boden lag. Wieder gab die Erde ein wenig unter ihr nach.

Inzwischen lag sie schon in einer Kuhle. Sie schloss die Augen. Sie dachte an Wald, an Grün, an Bäume. An eine grüne, feuchte Wiese. Sie öffnete die Augen. Nichts.

Immer noch dieselbe vertraute graubraune Landschaft.

Sie blinzelte.

Graubraun.

Graubraun.

Nicht mehr grau.

Die Erde gab wieder nach. Diesmal mit einem deutlichen Ruck. Sie erschrak und griff den Stein fester, den sie immer noch in der Hand hielt. Sie konnte nicht mehr über den Rand schauen. Die einzigen Konstanten waren nun der Stein und die Sonne, die nach wie vor hoch am Himmel stand.

Sie wartete.

Nach einer Weile öffnete sich ihre Hand mit dem Stein und er glitt, feucht von ihrem Schweiß, zwischen ihren Fingern hindurch und mischte sich mit den anderen.

Erneut gab der Boden unter ihr nach.

Sie sah rings um sich die Schichten der Erde, fühlte die leichte Wärme der Sonne auf ihrer Haut und die Kühle des Erdreichs um sich herum.

Sie schloss die Augen. Und wartete weiter.

Kein Vater.

Kein Prinz.

Nichts und niemand.

Sie versank weiter.

Und weiter.

Und weiter.

Unerwartet strich ein Windhauch über ihr Gesicht. Sie öffnete die Augen. Sog die frische Luft ein, die er mitgebracht hatte. „So nicht“, flüsterte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „So nicht.“ Sie setzte sich auf und trat heftig gegen die Grubenwand.

„So nicht“, fauchte sie. Steinchen und Erde rieselten hinab. „So nicht“, schrie sie die Wand an. „So nicht, so nicht.“ Ein Schluchzer bahnte sich einen Weg durch ihren Körper.

„So nicht, so nicht, so nicht.“

Sie rappelte sich auf und stemmte sich mit dem Rücken gegen die Wand. „So nicht“, knirschte sie. Stück für Stück schob sie sich nach oben, bis sie den Rand der Grube erreicht hatte. Schwer atmend lag sie auf der graubraunen Erde. Schließlich stand sie auf. Sie blickte auf das Loch im Boden. „So nicht“, wiederholte sie.

Und dann: „Ich habe Durst. Wo ist das verdammte Wasser?“

Die Frau schaute zu Boden. Staubige graubraune Erde. Kein Grün, kein hoffnungsvoller Grashalm. Sie ging ein paar Schritte in eine Richtung, die Sonne, die nun schon tief stand, im Rücken. Dann drehte sie sich um, der Sonne entgegen. „Egal“, dachte sie.

Sie änderte wieder die Richtung und ging seitlich zur Sonne, sodass links von ihr ein langer Schatten entstand. Sie ging ein paar Schritte und blieb dann wieder stehen.

„Egal“, sagte sie diesmal laut. „Egal!“ Sie überlegte, ob sie sich wieder hinsetzen sollte, aber auf eine weitere Grubenerfahrung hatte sie keine Lust. Sie durchkämmte die weite Ebene im Licht der sinkenden Sonne mit den Augen. Dann sah sie etwas aufblitzen. Sie ging näher.

„Verdammt“, sagte sie und hob den Gegenstand auf. Es war das Glas, das sie dem Mann aus der Hand geschlagen hatte. Heil. Aber leer.

Verdammt.

Im ersten Impuls wollte sie es wütend von sich schleudern. Dann stellte sie es vorsichtig auf den staubigen Boden. „Verdammt“, flüsterte sie noch einmal und richtete sich wieder auf. Sie ging langsam weiter. Obwohl sie am liebsten gerannt wäre, setzte sie einen Schritt nach dem anderen. Es war sowieso egal.

Die Sonne ging unter, und es wurde dunkel um sie. Sie ging, langsam tastend, Schritt für Schritt. Plötzlich meinte sie, in der Dunkelheit das Plätschern eines Baches zu hören.

Sollte dort wirklich Wasser sein? Sie blieb stehen. Was, wenn sie ertrank?

Ertrank?

Gerade noch hatte sie sich nach Wasser gesehnt. Und jetzt hatte sie Angst zu ertrinken. Sie schüttelte den Kopf. Blieb aber stehen. „Ich wollte doch nur ein Glas und nicht einen ganzen Bach“, dachte sie. „Nur ein Glas, ein verdammtes Glas Wasser. Das konnte doch nicht so schwer sein.“

Halbherzig ging sie einen Schritt in die Richtung, in der sie den Bach vermutete. Das Plätschern war lauter geworden.

Sie wurde unsicher. Wollte sie wirklich Wasser? Oder war es nicht doch etwas anderes? Was, wenn sie hineinfiel und mitgerissen wurde? Das Plätschern klang nach einem Bach, nicht nach einem Fluss. Aber die Frage blieb. War das, was sie wollte, wirklich Wasser?

Vorhin war es so klar gewesen. Jetzt zweifelte sie. Wieder. Verdammt. Sie dachte kurz an die Grube, aus der sie herausgeklettert war. War eigentlich auch ganz schön dort gewesen. „Hör auf“, sagte sie zu sich selbst. „Hör endlich auf.“

Der Bach plätscherte in der Dunkelheit. Er tat das, was Bäche machen: plätschern. „Es ist so einfach“, fluchte die Frau. „Aber ich komme nicht drauf.“ Langsam tastete sie sich zwei Schritte weiter in Richtung des Plätscherns.

Sie lauschte.

Deutlicher als das Wasser hörte sie ihren Herzschlag. Vertraut und gleichzeitig ungewohnt in der Dunkelheit.

Wieder ging sie zwei Schritte und stieß gegen einen Widerstand. Erschrocken hielt sie inne. Dann streckte sie vorsichtig die Hand aus, um zu ertasten, was in ihrem Weg stand.

Ein Baum. Ein ganz gewöhnlicher Baum.

Die Frau wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Sie tastete sich um den Stamm herum, der sie in seiner Art an den Stein erinnerte, den sie in der Grube umklammert hatte. Und dennoch ging etwas Tröstliches von ihm aus, etwas Vertrautes und gleichzeitig Frisches, dass sie in der Grube nicht gehabt hatte.

Sie lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm und hörte den Bach jetzt unmittelbar vor sich. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.

Vielleicht muss ich einfach springen, dachte sie. Sie krümmte sich bei dem Gedanken, ihr Zwerchfell spannte sich an. Sie biss die Zähne zusammen.

Vielleicht muss ich einfach springen. Ein Glas, dachte sie wieder. Nur ein Glas.

Vorsichtig kniete sie sich an den Rand des unsichtbaren Baches und tauchte ihre Hand hinein. Erschrocken zog sie sie zurück. Wie ungeduldig die Strömung an ihrer Hand gezerrt hatte. Noch nicht, dachte sie. Noch nicht. Ich bin noch nicht bereit.

Vielleicht warte ich, bis die Sonne aufgeht. Aber was, wenn der Bach am nächsten Morgen nicht mehr da war?

Der nächste Morgen brach an. Die Frau erwachte, als die Sonne gerade über den Horizont aufstieg. Sie sah sich um und betrachtete überrascht den Bach, der weiterhin fröhlich vor sich hinplätscherte, und den Baum, an den gelehnt sie die Nacht verbracht hatte. Um sie herum erstreckte sich außer dem Baum und dem Bach weiterhin dieselbe graubraune karge Landschaft wie am Tag zuvor.

„Woher kommst du?“, fragte sie den Baum, der keine Antwort gab.

„Ich wachse“, raunte es in ihr.

„Woher kommst du?“, fragte sie den Bach, der einfach weiter plätscherte, als hätte er sie nicht gehört.

„Ich fließe“, gluckste es in ihr.

„Toll“, sagte sie laut. „Und ich? Ich sitze. Ich schlafe. Ich gehe. Ich versinke. Ich klettere heraus. Ich sitze und schlafe wieder. Und jetzt?“

Für einen Moment glaubte sie, das Knarren des Schaukelstuhls zu hören, aber so sehr sie sich auch anstrengte, der Bach übertönte das Geräusch.

„Halt die Klappe“, sagte sie zum Bach.

Der Bach verstummte für einen kurzen Augenblick, um dann sein unermüdliches Glucksen und Plätschern wieder aufzunehmen.

„Ich verstehe schon“, sagte die Frau zum Baum und zum Bach. „Ich soll jetzt diese verdammte Quelle finden, und dann ist alles gut. Stimmt’s?“

Niemand antwortete.

Sie seufzte und blickte hinauf in die Baumkrone. Schimmerte da ein Apfel durch die Blätter?

Sie kniff die Augen zusammen. Könnte auch einfach nur ein Blatt sein. Sie hatte keine Lust, nachzusehen. Der Apfel löste sich, streifte beim Herabfallen ihre Schulter und kullerte ins Wasser. Sie sah ihn noch kurz aufblitzen, bevor er in der Strömung verschwand.

So ist das also, dachte sie, Wasser ist da, Apfel ist da und du machst nichts daraus.

 „Ich weiß einfach verdammt nochmal nicht, wie das geht“, sagte sie laut.

Die Frau starrte ins Wasser. „Du fließt also“, murmelte sie. Dann tauchte das Bild des Apfels vor ihrem inneren Auge auf. „Du fällst“, sagte sie. „Und verschwindest.“

Sie seufzte.

„Ich springe nicht. Ich bleibe sitzen.“ Sie fühlte ihr Herz. Überraschend eckig und eingeklemmt in ihrem Brustkorb. „Was stimmt mit mir nicht?“, fluchte sie.

Wieder löste sich ein Apfel. Diesmal verschwand er nicht, sondern blieb zu ihren Füßen liegen. Sie betrachtete ihn. Dann gab sie ihm einen kleinen Schubs, und mit einem kleinen „Platsch“ plumpste er ins Wasser. Ein kleines rotes Aufblitzen, dann war er weg.

Irgendwie traurig und befriedigend zugleich, befand sie. Und starrte wieder in das endlose Fließen, Glucksen und Plätschern des Baches, der beständig an ihr vorbeifloss.

Das Herz blieb eckig.

Wie kann man so dicht am Wasser sitzen und doch nicht springen, fragte sie sich. „Mein Herz ist zu schwer“, blitzte es in ihr auf. Es würde untergehen und sie mit ihm.

Die Frau kniete sich wieder am Bach nieder. Ein letztes Mal versuche ich es, sagte sie zu sich, dann gebe ich auf. Sie streckte die Hand aus und berührte die Oberfläche des Wassers vorsichtig mit einem Finger.

Es war kühl.

Und nass.

Wie zu erwarten.

Sie tauchte den Finger etwas weiter in das fließende Wasser. Sie merkte den Zug, aber auch die wohltuende Kühle. Ein wenig mehr noch, redete sie sich gut zu, ein wenig mehr.

Plötzlich bekam sie einen Stoß von hinten und schrie auf. Sie konnte sich nicht mehr halten und fiel kopfüber hinein. Die Kälte raubte ihr den Atem. Panisch versuchte sie, Grund unter die Füße zu bekommen, und strampelte. Irgendwie schaffte sie es auf die Füße und richtete sich wütend auf.

Das Herz raste. Aktivierung 3000.

Ihre Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und versperrten ihr die Sicht. Sie versuchte, ihr Gesicht freizubekommen, und japste nach Luft. Als sie endlich wieder sehen konnte, wandte sie sich dem Ufer zu.

Am Ufer stand MountainWolf68. Zumindest war das ihr erster Gedanke. Wer sollte es sonst sein? Der Mann mit dem Glas war es jedenfalls nicht.

Er sah sie grimmig an.

„Ich habe Dich verfolgt. Schritt für Schritt. Auf und ab. Hin und her. Es reicht. Niemand kann sich das so lange anschauen wie ich. Aber selbst ich verliere irgendwann die Geduld.“

 „Ich wäre von selbst gesprungen“, sagte sie wütend. „Lass mich in Ruhe.“

 „Ich habe Dich lange genug in Ruhe gelassen“, sagte er. „Du siehst nicht mal besonders gut aus“, sagte sie. „Also, was willst Du von mir?“ „Was Du von mir willst, wäre die viel interessantere Frage.“

 „Ich will nichts von Dir“, sagte sie und bewegte sich Richtung Ufer. Richtung Ufer bedeutete aber auch näher zu MountainWolf.

Sie zögerte.

„Wer bist du?“, fragte sie. „Das weißt Du längst“, sagte er. „Tu nicht so, als würdest Du mich nicht kennen.“ „MountainWolf?“, sagte sie fragend. Er machte sich nicht einmal die Mühe zu nicken. „Lauf Du erst mal mit einem eckigen Herz herum wie ich, dann reden wir weiter“, sagte sie trotzig. Er lachte. „Du glaubst, ich kenne das nicht?“ Sein Lachen war echt, aber auch nicht besonders herzlich oder fröhlich. Eher wie das Lachen von jemandem, der lange die Klappe gehalten hatte und nun genug davon hatte.

„Du kannst Dich nicht auf ewig mit Deinem ‚eckigen‘ Herzen rausreden“, sagte er und malte dabei Anführungszeichen in die Luft. „Dein Herz schlägt offensichtlich. Das sollte wohl reichen.“

„Es reicht nicht!“, schrie sie. „Du weißt nicht, wovon Du redest.“ „Natürlich weiß ich das“, sagte er mit Nachdruck und ging einen Schritt auf sie zu. Sie wich zurück, stolperte über einen Stein und saß bis zur Brust im Wasser. Sofort versuchte sie, sich aufzurappeln.

„Bleib verdammt nochmal endlich sitzen!“, blaffte er und ging noch einen Schritt auf sie zu. „Bleib endlich sitzen!“ Sie versuchte wieder aufzustehen.  Nur halbherzig diesmal.

Er atmete auf. „Geht doch.“ knurrte er und setzte sich ans Ufer.

Sie saß im Wasser, er beobachtete sie. Aufmerksam. „Entspann Dich“, sagte er schließlich. „Es ist nur Wasser.“

Sie presste die Lippen zusammen. Stemmte aber die Füße gegen den Boden und blieb sitzen. „Du bleibst hier jetzt so lange, bis Du endlich nicht mehr wegläufst“, sagte er. „Und ich sitze hier mit Dir.“

Der Bach strömte an ihr vorbei und um sie herum. Erst jetzt merkte sie, wie trocken ihr Mund war.

Sie traute sich nicht, ihre Hände vom Grund zu lösen. Sie hatte Angst das Gleichgewicht zu verlieren. Sie beugte sich also vorsichtig nach vorne und berührte mit ihren Lippen das Wasser.

Wasser, dachte sie, halb erleichtert, halb enttäuscht. Es ist einfach nur verdammtes Wasser. „Verdammt ist es nicht“, sagte MountainWolf, als hätte sie es laut ausgesprochen. „Das zweite stimmt.“

Sie warf ihm einen genervten Blick zu, sagte aber nichts. Vorsichtig schlürfte sie einen Schluck. „Trau dich“, sagte er, „es ist genug da.“ „Halt endlich die Klappe“, sagte sie in seine Richtung, ohne hinzuschauen. „Du machst mir Kopfschmerzen.“

Dann nahm sie noch einen Schluck.

 Und noch einen.

Das Wasser lief angenehm ihre Kehle hinunter. „Ich habe genug“, sagte sie nach einer Weile und machte Anstalten aufzustehen. „Nein“, sagte er nachdrücklich, „es ist noch lange nicht genug.“

„Mir ist kalt“, sagte sie. „Das Wasser ist kalt.“ „Selten so einen Blödsinn gehört“, antwortete er ungerührt. „Ich bin müde“, sagte sie dann. „Ich weiß“, sagte er. „Aber durchs Weglaufen wird es nicht besser.“

Wieder rollte sie mit den Augen. „Du weißt auch alles besser.“ „Ja“, sagte er ungerührt. „Manchmal schon.“ „Und wie lange soll ich jetzt hier bleiben?“, seufzte sie.

„Bis Dir nicht mehr kalt ist“, sagte er und machte es sich am Ufer gemütlich.

Nach einer Weile sagte sie: „Ich sitze im Wasser und fühle es nicht.“

MountainWolf schwieg.

 „Verlierst du jetzt auch die Geduld mit mir?“, fragte sie.

 Er schwieg.

 Sie begann sich hochzurappeln.

 Er machte eine Handbewegung. „Bleib.“

 „Warum kommst du nicht mit mir ins Wasser?“, fragte sie.

 Er schüttelte nur den Kopf.

 „Das ist Dein Bach“, sagte er.

 „Ich will aber nicht alleine hier drin sitzen“, quengelte sie.

 Er schwieg wieder.

Sie atmete aus. Das Wasser rauschte um sie herum, unermüdlich.

Unermüdlich.

Nach einer Weile merkte sie, dass es einen ihrer Schuhe weggespült hatte. Dann folgte der andere. Sie bewegte die Zehen zwischen den Kieseln.

Ok, dachte sie.

Dann verabschiedeten sich ihre Jacke, ihr T-Shirt und ihre Hose. Schließlich saß sie nur noch in Unterwäsche im Bach und klapperte mit den Zähnen.

„Und?“, fragte MountainWolf. „Fühlst du jetzt?“ Sie warf ihm einen Blick zu, der vernichtend gemeint war, aber doch eher verzweifelt wirkte.

 „Kann ich jetzt rauskommen?“, fragte sie.

 Er schwieg.

„Oh Mann“, klapperte sie.

 Ihr BH verschwand und auch ihre Unterhose. „Bist du jetzt zufrieden?“, fragte sie.

 Er schwieg.

 Irgendwie angenehm, so ganz ohne. Auch wenn ihr kalt war. Irgendwie war es jetzt … okayer. Nicht mehr ganz so … kalt?

Sie hob die Hände aus dem Wasser und prüfte, ob sie vielleicht schon blau waren. Sie sahen recht normal aus.

„Gefalle ich dir so nackig hier im Wasser?“, fragte sie MountainWolf, als die Stille etwas zu lange dauerte.

 Er verdrehte die Augen und schwieg.

 „Konzentriere dich lieber auf dein eckiges Herz“, sagte er dann. „Toll“, sagte sie. „Ich hätte es fast vergessen.“ „Eben“, antwortete er.

Sie blieb. Im Wasser. Sitzen.

Nach einiger Zeit fühlte sie die Strömung weniger. Es war stiller um sie geworden. Ein Blick auf MountainWolf zeigte ihr, dass er eingeschlafen war. Der Bach plätscherte leiser. Das Tageslicht war dabei zu verschwinden.

„Hey“, sagte sie laut. „Soll ich etwa die ganze Nacht hier drin sitzen?“ MountainWolf wachte auf, gähnte und sah sich um. „Wenn’s sein muss“, sagte er lapidar.

„Was macht Dein Herz?“, fügte er hinzu. „Es ist nicht mehr ganz so eckig“, gab sie widerwillig zu.

Sie blieb sitzen und beobachtete, wie es langsam um sie herum immer dunkler wurde. MountainWolf wurde zu einer Silhouette, dann verschwand er.

„Bist du noch da?“, flüsterte sie. Ein Streichholz flammte vor seinem Gesicht auf, dann verschwand es wieder in der Dunkelheit.

Es war dunkel und still.

Der Bach nur noch ein sanftes Rauschen um sie herum. Sie saß und blieb.

Mehrmals nickte sie weg, wachte aber auf, wenn das Wasser ihr Gesicht berührte. Und setzte sich wieder aufrecht hin. Am liebsten hätte sie sich einfach hingelegt und das Wasser über sich hinwegströmen lassen.

„Mach“, ertönte MountainWolfs Stimme aus der Dunkelheit.

 „Willst du, dass ich ertrinke?“, flüsterte sie. Seine Reaktion konnte sie nicht sehen.

Vorsichtig lehnte sie sich zurück und hielt ihr Gesicht probehalber unter Wasser. Das Gefühl zu ersticken, blieb überraschenderweise aus. Das Wasser strömte über ihr Gesicht und fast fühlte es sich so an, als sei hier sogar mehr Sauerstoff als draußen.

Sie ließ sich weiter und weiter sinken und genoss, wie das Wasser sie umspülte. „Atme“, sagte sie zu sich selbst, als sie merkte, dass sie die Luft angehalten hatte.

Langsam begann sie mit der Strömung zu treiben. MountainWolf, dachte sie für einen Moment.

Dann blieb auch er zurück.

Ihre Arme und Beine trieben schwerelos im Wasser. Ihre Haare fächerten sich um sie herum auf wie Flussalgen. Ich bin ein Fisch, dachte sie zufrieden. Ein Fisch mit einem etwas weniger eckigen Herzen.