Von weit her

Als die Mutter starb, vererbte sie der Tochter ihr Haus. Das Haus war voll mit dem ganzen Leben der Mutter. Egal wo sich die Tochter hinwendete, egal welche Schublade sie aufzog, überall quoll ihr das Leben ihrer Mutter entgegen.

Die Tochter verbrachte viele Wochen in dem Haus, ohne viel zu berühren.

Sie verkaufte das Auto der Mutter. Sie verkaufte das Klavier.

„Bitte gib mir deinen Segen, wenn ich weiterlebe“, sagte sie zu ihrer Mutter in Gedanken und zog eine weitere Schublade auf. Die Mutter, die sich langsam in der Unendlichkeit auflöste, blickte hinab und durch ihre Tochter hindurch. „Ich liebe dich“, funkte sie stumm.

In diesem Winter blieb der Schnee lange.

Die Tochter blickte zum verschneiten Grab ihrer Mutter. „Ich gebe mein Bestes“, funkte sie in die Erde und in die Unendlichkeit. „Ich weiß“, funkte die Mutter zurück.

„Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe“, sendete die Tochter. „Du bist meine Tochter, du schaffst alles“, schickte die Mutter zurück und löste sich ein wenig mehr auf. „Wir schaffen alles“, mischte sich die Großmutter aus der Ferne ein. „Ja“, sendete ihre Urgroßmutter, „das stimmt“, fügte die Ururgroßmutter hinzu.

„Du bist eine von uns“, sendete die Mutter und vermischte sich mehr und mehr mit der tröstlichen Dunkelheit.

„Wir lieben dich“, wehte es von weit her.