Vater 2

Diesmal blieb sie stehen. Auch wenn ihr Herz wie Blei war und ihr Hals eng wurde.

Auf der Veranda saß der Vater im Schaukelstuhl. Neben der Tür, durch die sie nicht gehen wollte.

„Hallo, Papa“, sagte sie leise. Der Vater sagte nichts, wandte ihr aber seinen Blick zu, der zuvor in die Ferne gerichtet gewesen war. Er sah sie an.

„Nein“, sagte sie wieder. „Noch nicht.“

Sie ging zwei Schritte zurück.

Die Sonne brannte. Kalt und hell.

„Nicht weglaufen“, sagte sie sich. „Diesmal nicht.“

Sie stand. Sie schaute. Sie stampfte mit dem Fuß auf.

„Nein!“, schrie sie dann endlich. „Nein. Nein. Nein.“

Ein Schluchzer. Sie konnte nicht aufhören zu stampfen und zu schreien.

Der Vater sah ihr zu. Sein Schaukelstuhl bewegte sich leicht vor und zurück.

Dann Stille. Summend. Eng und weit zugleich.

Die Frau atmete zitternd ein und aus.

Sie ging zwei Schritte zurück und stieß an den Mann. Den Mann von den Stufen, der unbemerkt hinter sie getreten war. Erschrocken wandte sie sich um.

„Du bist zu viel“, sagte sie laut. „Nimm Abstand.“ Der Mann wich zurück. Sie atmete auf.

„Nimm Abstand“, wiederholte sie. Er wich weiter zurück. „Noch weiter!“, schrie sie. „Das reicht nicht.“ Am liebsten hätte sie etwas nach ihm geworfen, aber sie fand nichts. Unter ihr war nur der trockene, staubige Boden. Endlich verschwand er aus ihrem Blickfeld.

Sie wandte sich wieder ihrem Vater zu. Der Schaukelstuhl, der sich gerade noch bewegt hatte, stand nun still. Seine Augen waren wach. Sie ging einen Schritt auf ihn zu. Und noch einen. Noch einen. Bis es wieder anfing zu brennen und zu summen. Sich aufzustauen.

„Diesmal bleibe ich“, sagte sie mit zusammengepressten Lippen. „Diesmal bleibe ich.“

Zeit verging. Der Vater döste in seinem Stuhl und wachte wieder auf. Sie setzte sich auf den staubigen Boden und wartete.

Der Mann tauchte wieder auf und reichte ihr ein Glas Wasser. Sie schlug es ihm aus der Hand. Er ging.

Die Sonne ging unter und wieder auf. Sie wartete. Ihr Herz war nicht schwer und nicht leicht. Es schlug. Weiter.

„Ist das dein Haus?“, fragte sie den Vater. „Und deshalb ist alles so grau?“ Der Vater schwieg. „Ich bin am falschen Haus“, fügte sie hinzu. „Stimmt’s?“

Er schwieg, aber sein Blick wurde wachsamer.

„Ich gehe jetzt“, sagte sie zu ihrem Vater. „Noch nicht“, antwortete er. Überrascht schaute sie ihn an. „Noch nicht?“, wiederholte sie fragend. „Warum?“ Er schwieg. Sie seufzte. Es dauerte zu lange.

Sie stand auf und ging entschlossen mehrere schnelle Schritte in Richtung Veranda. Die Luft wurde dicht und schwer. Wie eine unsichtbare Wand.

„Hör auf damit“, sagte sie zu ihrem Vater, dessen Schaukelstuhl wieder sachte in Bewegung geraten war. „Hör auf damit.“

„Ich tue nichts“, sagte er ruhig. „Du tust es.“ „Ich bin deine Tochter“, sagte die Frau. „Wie könnte ich etwas tun?“ Er sah sie an. Sein Blick klar. Klarer als jemals, als er noch am Leben war.

„Du bist kein Kind mehr“, sagte er. „Natürlich tust du es.“ „Ich tue?“, sagte sie. „Ach so. Und du tust nichts?“ Er seufzte. „Natürlich tue ich etwas. Aber nicht so, wie du denkst.“ „Sondern?“, fragte die Frau. „Meins“, antwortete er. Sie atmete aus. „Deins? Und was ist mit mir?“ „Du bist erwachsen“, sagte er.

Sie stampfte wieder mit dem Fuß auf. „Aber damals war ich es nicht.“ Er nickte. „Damals warst du es nicht“, stimmte er zu. „Aber jetzt schon.“

Enttäuscht wandte die Frau sich zum Gehen. Doch halb abgewendet blieb sie stehen. Wenn sie jetzt ging, wäre alles umsonst gewesen. Sie konnte die Veranda schon fast mit der Hand berühren. Sie setzte sich auf die unterste Stufe und lehnte sich gegen das Geländer, sodass sie den Schaukelstuhl noch im Blick behalten konnte.

„Hier bleibe ich erst mal“, sagte sie und schloss die Augen.

Als sie die Augen wieder öffnete – sie wusste nicht, nach wie langer Zeit –, saß der Mann auf der untersten Stufe auf der anderen Seite der Treppe und sah sie an. Sie erschrak und zuckte zurück. Er bemerkte es, sagte aber nichts.

„Ich bin lieber frei“, sagte sie zu ihm nach einer Weile. „Du bist frei“, antwortete er. „Ich weiß nicht“, sagte sie. „Nicht so frei wie allein.“ „Das stimmt“, antwortete er.

„Meine Mutter war frei“, fügte sie hinzu, „meine Tante und alle meine Großmütter. Alle waren frei. Und allein.“

„Und dein Vater?“, fragte er.

Der Schaukelstuhl auf der Veranda begann zu knarzen, und beide wandten den Blick. Der Vater saß dort wieder und schaukelte sachte vor und zurück.

„Warst du frei?“, fragte die Frau. Ein Schatten flackerte kurz neben ihm auf: Frauen, Kinder, wie auf einem alten Familienportrait. Dann verschwand es.

„Nein“, sagte er. „Meistens nicht.“

Die Frau wandte sich dem Mann zu. Der Mann sah sie an und nickte. Er stand auf und wandte sich zum Gehen. Der Frau schien, als zögerte er einen Moment, doch dann schritt er aus und entfernte sich. Sie sah ihm nach, bis er am Horizont verschwand.

Sie sah wieder zu ihrem Vater, der nach wie vor im Schaukelstuhl vor und zurück wippte. Er sah sie an, und zum ersten Mal begegneten sich ihre Blicke wirklich.

„Du“, sagte ihr Vater langsam, „triffst jetzt deine eigenen Entscheidungen.“ Wütend blinzelte sie. „Das sagst du schon die ganze Zeit. Aber wie?“ Das „wie“ schrie sie fast.

„Indem du sie triffst“, sagte der Vater, ohne seinen Blick abzuwenden. Die Frau merkte, wie ihr Kiefer fest wurde. „Ich will nicht leben, wie du gelebt hast. Zufrieden sein mit dem, was übrig bleibt.“ Sie schrie: „Ich habe doch gesehen, wie verdammt unglücklich du warst. Und trotzdem bist du geblieben. Und auch noch so getan, als hättest du entschieden.“

Erschöpft lehnte sie sich zurück. „Es ist anstrengend, frei zu sein“, sagte sie und schloss die Augen. Während sie langsam wegdämmerte, gegen das Treppengeländer gelehnt, hörte sie das beruhigende Knarzen des Schaukelstuhls.

Vor und zurück.

Vor und zurück.

Vor und zurück.