Prinzessin 2

Als die Prinzessin von Hans‘ leerem Schemel wieder zu Nummer vier zurückblickte, konnte sie das kleine Mädchen deutlich erkennen.

Es saß auf dem Hocker in einem einfachen weißen Kleid und baumelte mit den Beinen.

Langsam ging die Prinzessin zu ihm hinüber und setzte sich auf den freien Platz neben es.

Beide schwiegen.

Nach einer kleinen Weile rutschte das Mädchen von seinem Hocker herunter und fing an, Steinchen zu sammeln und Muster auf den Hocker zu legen. Eine Blume, noch eine Blume. Etwas, das aussah wie ein Tier, ein Esel vielleicht oder ein Pferd oder eine Katze. Man konnte es nicht so genau erkennen.

Die Prinzessin saß neben ihm und beobachtete, wie es die Kiesel zu Mustern zusammenfügte. Als der Hocker mit Mustern und Figuren bedeckt war, wandte es sich der Prinzessin zu.

„Ich habe Durst“, sagte das kleine Mädchen schließlich.

Die Prinzessin fuhr erschrocken zusammen, als sie seine Stimme hörte, fing sich aber und winkte einen Diener herbei, der ein Silbertablett mit einem Glas und einer Karaffe Wasser brachte. Dann schenkte sie dem kleinen Mädchen ein und reichte ihm das Glas.

„Was ist das?“, sagte das kleine Mädchen.

„Wasser“, antwortete die Prinzessin.

„Nur Wasser?“, sagte das Mädchen. „Hast du keinen Saft?“

Die Prinzessin zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Was ist falsch an Wasser?“

„Wasser ist langweilig“, sagte das kleine Mädchen.

„Aber du hast doch Durst.“

„Ja“, sagte das kleine Mädchen. „Aber Wasser ist langweilig.“

Die Prinzessin schüttelte den Kopf.

„Wasser ist nicht langweilig. Wasser ist gut bei Durst. Trink erst mal, und dann schauen wir, ob wir vielleicht noch etwas anderes für dich finden.“

Das kleine Mädchen gab nach und trank das Glas in einem Zug halb leer.

Die Prinzessin beobachtete das Mädchen interessiert. „Siehst du“, sagte sie dann, „Wasser ist gut gegen Durst.“

Das kleine Mädchen drückte ihr das Glas in die Hand und sprang dann über den Hof davon.

Es blieb vor der Dienerschaft stehen, die sich dezent im Hintergrund gehalten hatte, und betrachtete die Menschen der Reihe nach.

„Wie heißt du?“, fragte es dann die Zofe, die immer noch mit dem Schal über dem Arm und den Schuhen bereitstand.

„Ich bin die Zofe“, sagte diese und lächelte freundlich. „Ich habe keinen Namen.“

„Warum hältst du Schuhe in der Hand?“, fragte die Kleine.

„Weil das meine Aufgabe ist“, sagte die Zofe.

„Ist das nicht langweilig?“, gab die Kleine zurück.

Die Zofe zuckte die Schultern. „Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht“, sagte sie schließlich.

Die Kleine hüpfte zurück zur Prinzessin, die immer noch auf dem Schemel saß und ihr verwundert hinterher sah.

„Die Zofe hält Schuhe in der Hand und sagt, das ist ihre Aufgabe“, berichtete sie der Prinzessin.

Die Prinzessin nickte und dachte überrascht: Ja, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.

„Was ist deine Aufgabe?“, fragte das kleine Mädchen die Prinzessin.

Die Prinzessin seufzte. „Meine Aufgabe ist es, einen Mann zu wählen. Und eines Tages erwachsen zu werden und mit ihm das Königreich zu regieren.“

„Was ist ein Königreich?“, fragte die Kleine.

Die Prinzessin sah sich hilfesuchend um. Wo war Hans abgeblieben?

Dann antwortete sie: „Ein Königreich ist das Land, über das mein Vater herrscht. Mit all den Menschen, den Häusern, den Bäumen, den Feldern, den Wäldern und den Tieren.“

„Was ist herrschen?“, fragte das kleine Mädchen.

Die Prinzessin dachte nach.

„Herrschen“, sagte sie schließlich, „bedeutet, dafür zu sorgen, dass alles seinen rechten Gang geht.“

„Seinen rechten Gang geht? Was heißt das?“, fragte das kleine Mädchen.

Die Prinzessin seufzte.

„Na ja, dass Ordnung herrscht, dass alle die Aufgaben machen, die sie machen sollen, dass die Menschen sich gegenseitig helfen und nicht gegenseitig schaden. So etwas.“

„Aber ist das nicht sehr schwer?“, fragte das kleine Mädchen.

Die Prinzessin seufzte erneut. „Ja, das ist schwer.“

Wieder sah sie sich suchend nach Hans um. „Und deswegen ist es gut, es nicht alleine zu tun.“

Das kleine Mädchen sah sie an. „Ich könnte dir helfen“, sagte sie dann.

Die Prinzessin schaute auf sie herab, auf die Steine, auf die Muster, die sie gelegt hatte, und lachte ein wenig. „Du bist ein kleines Mädchen“, erwiderte sie. „Es ist schon schwer für mich. Aber für dich ist diese Aufgabe zu groß. Du musst erst noch älter werden.“

Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich will aber nicht älter werden. Ich will so bleiben, wie ich bin.“

Die Prinzessin lachte wieder. „Du musst auch nicht älter werden. Aber um mir zu helfen, musst du erwachsen sein.“

„Aber du bist auch nicht erwachsen“, sagte das kleine Mädchen.

„Ja“, sagte die Prinzessin. „Noch herrsche ich ja auch nicht. Noch tut das alles mein Vater, der König.“

Sie stand auf und ging hinüber zu dem Schemel, auf dem Hans gesessen hatte.

Das kleine Mädchen lief hinter ihr her. „Was ist?“, fragte es. „Was suchst du?“

„Hans“, sagte die Prinzessin. „Gerade war er noch hier. Jetzt ist er fort.“

Das kleine Mädchen lachte. „Hans? Wer soll das sein?“

Die Prinzessin schwieg. Hans. Ja, wer war das?

Nach einer Weile sagte sie, als wäre es ihr gerade erst eingefallen: „Hans ist wie ich, nur umgekehrt.“

Das kleine Mädchen betrachtete die Prinzessin verwundert. „Was ist umgekehrt?“, fragte sie dann.

Die Prinzessin zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.“

„Aber warum sagst du es dann, wenn du gar nicht weißt, was das heißt?“, fragte das kleine Mädchen.

Die Prinzessin seufzte.

„Ich weiß es nicht“, wiederholte sie schließlich.

Das kleine Mädchen zuckte mit den Schultern, ging zurück zu dem Tablett und trank das Glas aus.

Dann ging es wieder zur Zofe. „Tante, mir ist langweilig“, sagte es. „Kannst du mit mir spielen?“

„Leider nicht“, sagte die Zofe. „Meine Aufgabe ist es, die Kleidung der Prinzessin bereitzuhalten.“

„Aber mir ist langweilig“, quengelte das Mädchen.

Die Zofe nickte lächelnd. „Frag die Prinzessin, ob sie mit dir spielt.“

Das kleine Mädchen antwortete: „Aber die Prinzessin denkt nur an Hans und daran, dass er umgekehrt ist, und weiß nicht mal, was das bedeutet.“

„Ja, dann ist es vielleicht erst recht Zeit, dass du sie fragst.“

Das Mädchen blieb einen Moment stehen und warf einen prüfenden Blick auf die Reihe der Diener, die alle irgendwie beschäftigt schienen, auch wenn es nicht erkennen konnte, womit.

Dann sah es noch einmal zur Zofe, die ihm aufmunternd zunickte und mit dem Kinn auf die Prinzessin deutete, die immer noch vor dem neunten Schemel stand.

„Na gut“, sagte die Kleine und wandte sich in Richtung der Prinzessin.

Langsam schlenderte sie über den Hof. Sie trödelte, hob noch einen Zweig auf, ein Blatt oder einen besonders schönen Stein. Sie machte einen Umweg zum Rondell, blickte sich schnell um und pflückte eine der Rosen.

Schließlich kam sie bei der Prinzessin an, die immer noch gedankenverloren auf Hans‘ verlassenen Schemel starrte.

Das kleine Mädchen, das seine Fundstücke im hochgerafften Kleid gesammelt hatte, hielt ihr seine Schätze hin. „Schau“, sagte das kleine Mädchen, „was ich dir mitgebracht habe.“

Die Prinzessin blickte zerstreut auf das Sammelsurium aus Steinen, Blättern, Ästchen und die Blume, die obenauf lag.

„Das ist eine schöne Blume“, sagte sie zu dem kleinen Mädchen und griff danach. „Die ist für dich“, sagte das kleine Mädchen. „Ich habe sie für dich gepflückt.“

„Danke“, sagte die Prinzessin und nahm sie vorsichtig entgegen. Dann steckte sie die Nase hinein.

„Die riecht gut“, sagte sie zu dem kleinen Mädchen. „Riech mal.“

Sie hielt ihr die Rose hin.

Das kleine Mädchen steckte ebenfalls die Nase hinein. „Ja“, sagte es, „die riecht gut.“

Beide lächelten sich an.

„Kannst du mit mir spielen?“, fragte das kleine Mädchen die Prinzessin schließlich. „Mir ist langweilig.“

Die Prinzessin sah es aufmerksam an. „Spielen? Was ist das?“

„Du weißt nicht, was Spielen ist?“, fragte das kleine Mädchen erstaunt.

Die Prinzessin schüttelte den Kopf. „Nein. Ich kenne das Wort nicht.“

Das kleine Mädchen sprang ungeduldig von einem Bein auf das andere. Dabei ließ es sein Kleid los, sodass all seine Schätze zu Boden fielen.

„Spielen ist …“, sagte es und zögerte. „Spielen ist, sich etwas auszudenken, das Spaß macht.“

Die Prinzessin runzelte die Stirn. „Was meinst du mit: sich etwas ausdenken, das Spaß macht?“

Das Mädchen klatschte in die Hände. „Wir könnten uns zum Beispiel ausdenken, dass du das kleine Mädchen bist und ich die Prinzessin. Und ich schenke dir eine Blume.“

Die Prinzessin lachte. „Du meinst, du bist ich und ich bin du?“

„Ja“, sagte das kleine Mädchen. „Das macht Spaß. Und dann könnte ich der Zofe sagen, dass sie mir meine Sachen bringen soll und dass ich ein schönes Kleid anziehen will.“

Die Prinzessin schüttelte den Kopf. „Ich bin sicher, das willst du nicht. So ein Kleid ist viel zu eng.“

„Zu eng?“, fragte das Mädchen.

„Ja“, sagte die Prinzessin. „Zu eng und zu schwer. Ich selbst habe meines gerade erst ausgezogen, und ich kann dir sagen: So ist es viel besser.“

„Na gut“, sagte das kleine Mädchen. „Was würde ich denn tun, wenn ich du wäre?“

Die Prinzessin blickte auf sie herunter, lächelte und sagte:

„Du würdest dich auf den Weg machen, um Hans zu suchen.“

„Warum?“, fragte das kleine Mädchen. „Warum würdest du Hans suchen?“

„Ich weiß es nicht“, sagte die Prinzessin. „Er hat gesagt, er lebt am schönsten Ort der Welt, weißt du.“

Das kleine Mädchen runzelte die Stirn. „Aber hier ist es doch auch schön“, sagte es.

„Ja“, antwortete die Prinzessin. „Aber hier sind überall Mauern.“

Das Mädchen blickte erstaunt um sich: „Ja, aber das Tor ist offen.“

Überrascht wandte die Prinzessin den Kopf. Und tatsächlich: Das Tor stand offen.

Und wenn sie genauer darüber nachdachte, war es die ganze Zeit offen gewesen. Sie war nur nie auf die Idee gekommen zu schauen, was außerhalb der Mauern lag.

Die Kleine hüpfte aufgeregt von einem Fuß auf den anderen und fragte: „Aber was machen wir, wenn wir Hans gefunden haben?“

„Keine Ahnung“, sagte die Prinzessin. „Vielleicht kann Hans es uns dann sagen.“

„Aber wenn er es nicht weiß?“, sagte das kleine Mädchen.

„Wenn er es auch nicht weiß, dann suchen wir weiter“, antwortete die Prinzessin. „So lange, bis wir jemanden finden, der uns die Antwort geben kann.“

„Welche Antwort?“, sagte das kleine Mädchen.

Die Prinzessin schwieg.

„Ja, merkwürdig“, sagte sie schließlich. „Ich kann mich an die Frage nicht erinnern, obwohl ich sie gerade eben noch wusste.“ Sie setzte sich auf Hans‘ Schemel und blickte nachdenklich zum Tor.

Tränen stiegen ihr in die Augen.

Das kleine Mädchen kletterte auf ihren Schoß und schmiegte sich an sie.

„Nicht weinen, Prinzessin“, sagte es dann. „Nicht weinen.“

Die Prinzessin legte ihre Arme um das kleine Mädchen und sagte: „Ich weine doch gar nicht.“

„Doch, du weinst“, sagte das kleine Mädchen. „Aber das ist nicht schlimm. Ich weine auch manchmal.“

Die Prinzessin sah es überrascht an.

„Du weinst auch manchmal? Warum?“

„Manchmal bin ich traurig, und dann weine ich.“

Die Zofe eilte herbei und reichte der Prinzessin ein seidenes Taschentuch.

Die Prinzessin nahm es, trocknete ihre Tränen und schnaubte recht undamenhaft hinein. Dann ließ sie es, obwohl die Zofe danebenstand, um es entgegenzunehmen, in der Tasche ihres Unterkleides verschwinden.

Sie lächelte der Zofe zu. Die Zofe lächelte zurück und reihte sich wieder bei der wartenden Dienerschaft ein.

„Vielleicht habe ich ein bisschen geweint“, gab die Prinzessin zu. „Aber jetzt nicht mehr. Jetzt machen wir uns auf den Weg und schauen, ob wir ihn finden.“

Das kleine Mädchen sprang begeistert auf. „Ja! Hurra! Ein Abenteuer! Ich liebe Abenteuer!“

Die Prinzessin lächelte. „Aber wir wissen doch gar nicht, was uns da draußen erwartet.“

„Egal“, sagte das kleine Mädchen. „Solange du bei mir bist, habe ich keine Angst.“