Im Wald (Prinzessin 3)

Ein paar Tage später, die Sonne war noch nicht aufgegangen und alle anderen im Haus schliefen noch, spannte Hans die leichte Kutsche an, um mit der Prinzessin in Richtung Wald zu fahren.

Als sie angekommen waren, brachte er die Kutsche zum stehen und sah die Prinzessin lächelnd an.

„Ab hier musst du allein gehen“, sagte er, „sonst gilt es nicht.“

Die Prinzessin nickte und machte sich daran, vom Wagen zu klettern. „Wenn du zurückkommst, bin ich hier, um dich abzuholen“, sagte Hans und wendete den Wagen Richtung Heimat.

Die Prinzessin stand lange da und sah ihm hinterher, wie er in der Ferne verschwand. Dann drehte sie sich um und begann mit dem gleichen entschlossenen Gesichtsausdruck, mit dem sie an Hans‘ Hoftor geklopft hatte, in den Wald hineinzugehen.

Nach seiner Schilderung erwartete sie, auch irgendwann auf diese Lichtung zu treffen. Aber sie ging und ging, und die Bäume behielten ihren gleichmäßigen Rhythmus von braunen und grünen Schattierungen.

Irgendwann schien die Sonne schräg durch die Baumkronen. Überrascht blieb sie stehen, denn sie hatte gedacht, sie würde ihren Wolf genauso wie Hans im Morgengrauen treffen.

Sie blickte zurück, wo sie hergekommen war, und sah auch da nur Bäume, Zweige, Blätter und den Pfad, der sich durchs Unterholz schlängelte.

Die Prinzessin seufzte. Wo war die Lichtung? Wo war der Wolf?

Vielleicht habe ich gar keinen Wolf, blitzte es in Gedanken in ihr auf. Sie seufzte wieder.

Sie setzte sich auf einen umgekippten Baumstamm am Wegesrand und trank einen Schluck Wasser aus der Flasche, die ihr Hans‘ Frau am Vorabend eingepackt hatte.

Sie dachte an das kleine Mädchen, das jetzt wahrscheinlich fröhlich in der Küche mit Hans‘ Frau plauderte oder mit ihrer kleinen Tochter spielte. Die Prinzessin lächelte. Es war gut, sie so versorgt zu wissen.

Sie trank noch einen Schluck Wasser und überlegte schon, sich auf den Rückweg zu machen und Hans zu sagen, dass sie einfach keinen Wolf hatte.

Doch sie beschloss, noch ein wenig weiterzugehen. Nur ein bisschen. Nur noch ein kleines bisschen.

Heute ist ein guter Tag, um meinen Wolf zu finden, redete die Prinzessin sich zu. Auch wenn sie fühlte, wie ihr Herz schwer wurde.

Sie blieb wieder stehen. Das Fleckchen moosbewachsener Boden sah zu verführerisch aus.

„Vielleicht nur eine kleine Pause“, murmelte sie und ließ sich nieder. Sie seufzte erleichtert auf. Jetzt erst merkte sie, wie unendlich müde sie war.

Ein Vogel flog vorbei, ließ sich für einen kurzen Moment auf einem Zweig in ihrer Nähe nieder, beäugte sie mit seinen schwarzen Augen und flatterte davon. Eine Ameise krabbelte über ihren nackten Fuß und verschwand im Moos. Die Prinzessin blickte ihr träge hinterher.

Dann ließ sich eine Fliege auf ihrer Hand nieder, und auch sie verschwand summend, schneller, als sie gekommen war.

Die Prinzessin merkte, wie sie sich langsam einlullen ließ von den Geräuschen des Waldes, dem Rauschen der Blätter, dem Zwitschern der Vögel, dem Summen der Insekten und dem Knacken im Unterholz.

Mein Wolf, dachte sie noch einmal sehnsüchtig.

Die Augen fielen ihr zu. Sie schlief nicht, aber sie war dem Schlafen näher als dem Wachen.

So saß sie lange Zeit.

Sie vergaß, wer sie war. 

Sie vergaß, wo sie herkam. 

Sie vergaß, warum sie im Wald war.

Der Wald wurde dunkel, und sie verschmolz mit der Schwärze der Nacht. Sie rührte sich nicht.

Es wurde hell, es wurde dunkel.

Als es zum dritten Mal hell wurde, war sie zu einem Teil des Waldes geworden, als hätte sie schon ihr ganzes Leben hier verbracht.