Hans 1

An einem Herbstmorgen wachte Hans auf wie immer. Er wusste, heute musste er in die Stadt.

Er hasste die Stadt.

Die Menschen dort kamen ihm vor wie Zeichentrickfiguren, die sich weiß vor dem Grau der Stadt abhoben und immer nur liefen und liefen wie zum Leben erwachte, freigelassene Straßenschilder, von links nach rechts, von rechts nach links.

Wenn er abends endlich wieder auf seinem Hof ankam, dauerte es, bis er wieder zu Hans, dem Menschen, wurde und das roboterartige, steife loswurde.

Aber es half nichts. Manches ließ sich nicht aufschieben.

Hans spannte die Pferde an und machte sich auf den Weg. Trübsinnig beobachtete er, wie die Natur weniger, die Häuser mehr wurden.

Als alles grau war und die Menschen sich nur noch wie weiße Gespenster vor der staubig-schmutzigen Kulisse bewegten, hatte er sein Ziel erreicht.

Er stieg vom Kutschbock und wandte sich dem Laden zu, wegen dem er gekommen war.

Überrascht hielt er inne. Hinter der Schaufensterscheibe war etwas anders als sonst: Ein kleines warmes Licht flackerte, schwach zwar, aber deutlich zu erkennen.

Die erste Wärme, die er in dieser Stadt seit Langem gesehen hatte.

Die Glöckchen über der Ladentür klingelten aufgeregt, als Hans den Laden betrat.

Er seufzte ein wenig erleichtert über das vertraute Geräusch und etwas genervt, dass er sich immer noch in der Stadt befand.

Er wandte sich dem Lichtschein und der Wärme zu.

Auf einem kleinen Tisch mitten im Raum stand eine einsame Kerze, geschützt von einem schlanken, hohen Glaszylinder.

Niemand war zu sehen.

Erst beim Nähertreten bemerkte er das kleine Fläschchen, das neben der Kerze auf dem Tisch stand.

Es sah dunkel und gefährlich aus.

Hans starrte die Flasche an, die auf dem Tisch stand. „Bitteres Gift“ stand darauf in einer altmodischen Schrift.

Dann nahm er sie in die Hand. Er drehte sie um.

Auf der Rückseite nur ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen.

„Bitteres Gift“, murmelte er.

Unschlüssig blickte er sich im Laden um.

Er war bis auf den Tisch leer und nur erhellt durch die flackernde Kerze.

„Bitteres Gift“, wiederholte er nachdenklich.

Dann steckte er das Fläschchen in seine Jackentasche, warf der Kerze einen letzten Blick zu und verließ den Laden.

Er stieg auf den Kutschbock, konzentrierte sich auf die Rücken seiner Pferde und lenkte sie langsam aus der Stadt hinaus.

„Bitteres Gift“, murmelte er noch einmal.

Er tastete nach dem Fläschchen in seiner Tasche.

Als er endlich den Stadtrand erreicht hatte, als es nur noch wenige graue Häuser und mehr Bäume gab, hielt er an.

Er zog das Fläschchen aus seiner Jackentasche und hielt es prüfend gegen das Licht. Er konnte bis auf eine dunkle Flüssigkeit, die sich träge darin bewegte, nichts erkennen.

Er überlegte, ob er es einfach in den Straßengraben werfen sollte, doch er konnte sich nicht entschließen.

Er sah, dass die Sonne schon schräg am Himmel stand und wusste, dass er sich bald auf den Rückweg machen musste, damit er noch vor der Dunkelheit zu Hause wäre.

Dennoch blieb er wo er war und drehte das Fläschchen in seinen Fingern.

Er verstand selbst nicht, warum er es mitgenommen hatte.

Er fluchte.

Warum hatte er es nicht einfach stehen gelassen, dort, wo es hingehörte?

Doch umzudrehen und es zurückzubringen, kam nicht infrage.

Es hier wegzuwerfen, kam nicht infrage.

Er seufzte.

Dann steckte er es wieder ein und fuhr weiter.

Als er die Stadt endlich vollkommen hinter sich gelassen hatte und das Grün überwog, atmete er tief die würzige Luft ein.

Er ließ die Zügel locker, die Pferde kannten den Weg.

Als Hans bei seinem Hof ankam, war die Dämmerung schon hereingebrochen. Er schirrte rasch die Pferde ab, rieb sie trocken, brachte sie in den Stall und füllte die Futterkrippen.

Als er wieder ins Freie trat, blickte er sich erleichtert um.

Der stille Hof.

Das Haus.

Alt, aber solide.

Er atmete tief.

Mit dem Gefühl, dass er gerade noch einmal davongekommen war.

—

Monate später, an einem Winterabend, stand Hans in der Küche und bereitete das Abendessen.

Er hob Deckel auf, rührte, schaute im Ofen nach, ob alles in Ordnung war.

Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass es draußen schon dunkel war und der Schnee immer noch still und dicht vom Himmel fiel.

Er hatte für seine Frau, die mit dem Pferdeschlitten unterwegs war, eine Laterne am Hoftor und eine am Stall angezündet.

Gerade als dass das Essen fertig war und er zufrieden den würzigen Duft eingesog, hörte er draußen das gleichmäßige Stampfen der Hufe und das zarte Klingeln der Glöckchen.

Durch das Fenster konnte er sehen, wie der große Schlitten auf den Hof geglitten kam.

Er schlüpfte in Stiefel und Jacke und ging mit einer Laterne in der Hand auf den Hof, um ihr mit den Pferden zu helfen.

Der Schlitten kam zum Stehen, und seine Frau sprang herunter.

Eine kurze, feste Umarmung.

Dann machten sich beide daran, Schlitten und Pferd zu versorgen

„Komm“, sagte er dann zu seiner Frau und nahm ihre Hand. „Das Essen ist fertig.“

Am nächsten Morgen, seine Frau schlief noch, stand Hans im Morgengrauen auf.

Er heizte den Küchenofen wieder an, goß Kaffee in die Thermoskanne, zog Stiefel, Jacke, Mütze und Handschuhe an und ging nach draußen, um den Pferdeschlitten anzuspannen.

Über Nacht war noch mehr Schnee gefallen, sodass die Kufen mühelos durch das weiche, kalte Weiß glitten.

Er schwang sich auf den Bock und schnalzte mit der Zunge.

Fast geräuschlos glitt er durch das Hoftor.

Er lenkte den Schlitten bis zum Waldrand.

Dort schirrte er das Pferd aus und ließ es frei.

Der Futtersack hing am Schlitten bereit.

Er wusste, sein Pferd würde hier auf ihn warten.

Er stapfte durch den tiefen Schnee in den Wald hinein.

Tiefe Stille umfing ihn.

Der Schnee auf dem Boden wurde weniger, je tiefer er in den Wald vordrang.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und so war der Wald in grau-weißes Dämmerlicht gehüllt.

Als er die Lichtung erreicht hatte, setzte er sich auf einen Baumstumpf, goss heißen Kaffee in den mitgebrachten Becherund wartete.

Nach langer Zeit, Hans wollte schon fast aufgeben, als ein Schatten gegenüber am Rand der Lichtung auftauchte.

Ein großer grauer Wolf erschien zwischen den Bäumen und kam langsam auf den freien Platz.

Ein Grollen kam tief aus seiner Kehle, und obwohl Hans das Herz bis zum Hals schlug, blieb er sitzen und rührte sich nicht.

Er blickte dem Wolf entgegen, der langsam auf ihn zukam und schließlich in der Mitte der Lichtung stehen blieb.

Hans stand langsam auf, ohne den Wolf aus den Augen zu lassen.

Der Wolf knurrte lauter, blieb aber stehen.

„Ruhig“, flüsterte Hans. „Ganz ruhig.“

Vorsichtig tat er einen Schritt in Richtung des Wolfes.

„Ruhig“, flüsterte er wieder, wobei er nicht wusste, ob er sich oder den Wolf meinte.

Noch ein Schritt.

Und noch einer.

Nach unendlich langer Zeit stand er endlich dicht vor dem Tier, dass sich nicht bewegt hatte.

Erst jetzt konnte er sehen, wie groß und mächtig der Wolf war, wie grau und struppig sein Fell.

Ehrfürchtig streckte er die Hand aus, um es zu berühren.

Ganz leicht nur zitterten seine Finger.

Der Wolf ließ immer noch sein tiefes Grollen hören, aber es war nicht mehr so furchteinflößend, mehr wie eine Erinnerung an etwas, das schon sehr lange her war.

„Bitte“, sagte Hans nur. „Bitte.“

Dann legte er seine Hand sanft an das Fell des großen Tieres und verharrte so lange Zeit mit gesenktem Blick.

Der warme, erdige Geruch des Wolfes stieg ihm in die Nase.

Langsam sank Hans vor dem großen Tier in die Knie, ohne die Hand von seinem Fell zu nehmen.

Das tiefe Grollen erfüllte die Lichtung.

Hans spürte den warmen Atem des Wolfes über sich.

Endlich ließ der Wolf sich nieder und streckte sich neben ihm aus. Das Grollen verklang.

Noch immer lag Hans‘ Hand auf seinem Fell.

Auf Knien kroch er über den weichen Boden näher heran, bis er ganz dicht neben dem Tier war.

Tränen traten ihm in die Augen.

„Bitte“, flüsterte Hans noch einmal. „Bitte.“

Dann lehnte er sich an die Flanke des großen Wolfes.

Zuerst vorsichtig.

Doch schließlich ließ er sein ganzes Gewicht gegen das Tier sinken.

Er spürte das kratzige Fell an seiner Wange und die Wärme des mächtigen Körpers.

Das Fläschchen fiel unbemerkt aus seiner Jackentasche und blieb auf dem moosigen Boden liegen.

Und endlich konnte er ausatmen.