„Ich will keine Frauensachen machen!“, schrie das Mädchen.
„Komm, wir machen uns hübsch“, gurrten die Frauen im Hof.
„Aber wozu?“, schrie das Mädchen. „Ich will Männersachen machen. Ich will eine Gefährtin sein. Ich will nicht zu Hause bleiben und warten und hoffen.“
„Warum warten und hoffen?“, gurrten die Frauen. „Das Leben ist schön mit Schönheit.“
Das Mädchen biss die Zähne zusammen.
„Nein. Als Frau unter Frauen ist es zu eng.“
Verzweifelt hämmerte sie gegen das Hoftor.
„Lasst mich raus!“, schrie sie. „Ich bekomme keine Luft.“
„Da draußen ist niemand“, sagte die Älteste beschwichtigend und packte sie am Arm, um sie vom Tor wegzuziehen.
„Nein!“, schrie das Mädchen.
Auf ihrer Brust lag ein Felsbrocken, ihr Hals war zugeschnürt.
„Sie ist verrückt“, murmelten die Frauen und wandten sich ab. „Hoffentlich hält der Riegel. Es ist schon einmal eine geflüchtet, und das ist nicht gut für uns ausgegangen.“
„Schlecht ausgegangen? Warum?“
Später in der Nacht, als das Mädchen unter seiner Decke im Schlafsaal der Mädchen lag, kroch eine der Kleinen zu ihr ins Bett.
„Mir ist kalt“, flüsterte sie und schmiegte sich an sie.
Das Mädchen seufzte. Sie wäre gerne mit ihren Gedanken allein gewesen, ließ es aber zu.
„Was ist eine Gefährtin?“, flüsterte die Kleine und drückte sich fester an sie. Das Mädchen antwortete nicht.
„Ich weiß es nicht“, gab sie schließlich zu. „Ich habe es irgendwo aufgeschnappt.“
„Vielleicht ist die Geflüchtete eine Gefährtin geworden“, flüsterte die Kleine und drückte ihre kalten Füße gegen ihre Beine.
„Kann sein“, sagte das Mädchen. „Sei still. Schlaf jetzt.“
Am nächsten Tag war es merkwürdig ruhig im Hof der Frauen.
Das Mädchen blickte immer wieder zum Tor, aber stets waren dort ein, zwei, drei Frauen in ein Gespräch vertieft und versperrten ihr die Sicht.
Eine der Frauen versuchte noch einmal, sie ins Badehaus zu locken, aber sie sah sie nur finster an, und die Frau gab auf.
Am Nachmittag setzte sie sich in den Schatten, mit dem Rücken an die hohe Mauer gelehnt, die den Hof umgab, und blickte sehnsüchtig auf das Tor.
Sie beobachtete, wie die Gruppe am Tor unverändert wirkte, obwohl immer wieder Frauen gingen und neue dazukamen.
Etwas später gesellte sich die Kleine wieder zu ihr.
Sie hatte Nüsse mitgebracht und fing an, sie mit einem Stein aufzuschlagen.
„Willst du eine?“, fragte sie das Mädchen.
Zerstreut nickte sie und steckte sich einen Nusskern in den Mund.
„Eine Gefährtin“, murmelte sie. „Eine Gefährtin.“
Später am Abend wurde es plötzlich unruhig vor dem Tor.
Die Flügel begannen sich zu öffnen, und das Mädchen konnte einen Blick in die Ferne erhaschen.
Elektrisiert sprang sie auf.
Auch die Kleine wurde von ihrer Aufregung angesteckt.
„Schau!“, rief sie fröhlich. „Das Tor ist offen!“
„Schscht“, zischte die Große.
Gerade als sie trotz der Frauen, die davor herumwuselten, einen Schritt in Richtung des Tores tun konnte, sah sie den Mann, der durch die Öffnung schritt.
Zu Fuß.
Allein.
Er sah alt und gebrechlich aus.
Die Älteste ging auf ihn zu, und er stützte sich schwer auf sie, als sie ihn in das Haupthaus geleitete.
Das Mädchen folgte ihnen mit den Augen, bis sie in der dunklen Türöffnung verschwunden waren.
Als sie wieder zum Tor blickte, waren die Flügel bereits fest verschlossen.
Sie hörte das Gemurmel der Frauen, die sich davor versammelt hatten.
Sie seufzte wieder.
„Komm“, sagte sie zu der Kleinen. „Es ist Schlafenszeit.“
Am nächsten Morgen herrschte große Aufregung im Hof.
„Heute kommen sie“, flüsterten die Frauen.
„Komm, wir machen uns schön“, lockten sie die Mädchen, die Große und die Kleine.
Die Kleine, die beschlossen hatte, nicht von ihrer Seite zu weichen, blickte ebenso finster wie ihre große Freundin und weigerte sich mitzugehen, als ihre Mutter kam, um sie abzuholen.
Sie blieben im Hof, während die Frauen sich bei der Bewachung des Tores abwechselten und eine nach der anderen im Badehaus verschwand und glänzend und fröhlich, in ihre besten Gewänder gekleidet, wieder herauskam.
Am Abend war es endlich so weit.
Das Mädchen und ihre kleine Freundin beobachteten atemlos, wie das Tor sich öffnete und die Schar der Krieger auf ihren prächtigen Pferden durch die Öffnung drängte.
„Die Gefährten“, sagte sie atemlos zu ihrer kleinen Freundin. „Siehst du?“
Die Kleine nickte ernst.
„Ich kann deine Gefährtin sein“, sagte sie dann.
Die Große schaute überrascht auf die Kleine hinunter und zögerte.
„Ja“, sagte sie schließlich. „Vielleicht.“
In der Nacht schlich sie sich aus dem Schlafsaal hinaus zu den Ställen. Im Schutz der Mauerschatten näherte sie sich, bis sie das Stampfen und Schnauben der Pferde hören konnte.
Gerade als sie in den Stall schlüpfen wollte, kam jemand heraus und stieß mit ihr zusammen.
„Hey, wen haben wir denn da?“, hörte sie eine Männerstimme. Sie wollte fliehen, aber der Mann war schneller und packte sie. „Nicht so schnell“, sagte er und hielt sie am Arm fest. „Was willst du hier?“, fragte er streng und sah auf sie hinunter. „Das hier ist nichts für Mädchen.“ Sie schwieg und kam sich plötzlich dumm vor. Ja, was wollte sie hier eigentlich?
Plötzlich tauchte die Kleine auf. Im wehenden Nachthemd lief sie über den Hof und stellte sich neben sie.
„Sie will eine Gefährtin sein“, rief sie fröhlich, „und ich auch.“
Der Mann kniff die Augen zusammen und musterte sie abschätzig.
Sie schämte sich in Grund und Boden.
„Verschwinde“, fuhr sie die Kleine an. „Du hast hier nichts zu suchen. Geh wieder ins Bett.“
Der Mann lachte schließlich und ließ ihren Arm los.
„Geht ins Haus, Mädels“, sagte er schließlich. „Ich verrate auch niemandem, dass ihr euch hier herumgetrieben habt. Aber verschwindet, bevor ich es den Frauen sage.“
Sie brachte kein Wort heraus. Dann packte sie die Kleine grob an der Hand. „Komm“, sagte sie. „Gehen wir.“ „Was ist?“, fragte die Kleine, die neben ihr her stolperte. „Stimmt das nicht?“
„Doch“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. „Warum sagst du’s ihm dann nicht?“, fragte die Kleine und versuchte, sich loszumachen. Sie zerrte sie weiter.
„So einfach ist das nicht“, zischte sie die Kleine an. Die fing an zu weinen.
„Du hast gesagt, ich kann deine Gefährtin sein“, schluchzte sie. Das Mädchen stieß die Luft aus und blieb stehen. Sie kniete sich hin und sah der Kleinen ins Gesicht.
„Tut mir leid“, sagte sie schließlich. „Tut mir leid.“
Langsam gingen sie zusammen zurück.
„Kann ich zu dir ins Bett?“, flüsterte die Kleine. „Ja“, sagte das Mädchen und schlug die Decke zurück.
Sie schämte sich. Für ihren Fluchtversuch, dafür, dass sie erwischt worden war, dass sie nichts zu sagen wusste und dass sie auch noch so gemein zu ihrer einzigen Verbündeten gewesen war.
„Tut mir leid“, murmelte sie noch einmal.
Am nächsten Morgen beobachteten die beiden Mädchen den Aufbruch der Krieger vom Fenster des Schlafsaals. In die Nähe des Tores wagten sie sich nicht. Zu präsent war noch die Erinnerung an die Schmach der letzten Nacht.
Als das Tor hinter den Kriegern zugefallen und wieder verriegelt war, wandte sich das Mädchen an die Kleine. „Komm, gehen wir uns hübsch machen“, sagte sie und lächelte zum ersten Mal.
Die Kleine, die bisher finster aus dem Fenster geschaut hatte, sah sie überrascht an.
„Wir beide?“, fragte sie. „Ja“, sagte das Mädchen ernst. „Lass uns Frauensachen machen und dann sehen wir weiter.“
Sie gingen zusammen hinunter zum Badehaus und öffneten die Tür zu der dampfenden Welt. Sie entkleideten sich und wickelten sich in die großen Handtücher, die ihnen gereicht wurden.
Die Älteste saß am Wasserbecken und sah ihnen entgegen.
„Ich habe euch schon erwartet“, sagte sie. „Setzt euch.“
Das Mädchen verdrehte die Augen, wagte aber nicht zu widersprechen. Zögerlich setzte sie sich, während die Kleine sich bereitwillig neben sie kauerte.
„Ich war auch einmal so jung wie du“, sagte die Alte zu der Kleinen, „und wie du“, wandte sie sich an die Große. „Und ich war eine Gefährtin.“
Das Mädchen machte große Augen, sagte aber nichts.
„Bist du die Geflüchtete?“, fragte die Kleine mit glänzenden Augen.
Die Alte antwortete nicht.
„Ja und nein“, sagte sie schließlich. „Die Geflüchtete ist eine Geschichte, die hier erzählt wird. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass es immer wieder Frauen gab, die sich den Männern angeschlossen haben.“
„Warum ist es nicht gut ausgegangen?“, flüsterte das Mädchen.
Die Alte schwieg.
„Erzähl weiter“, rief die Kleine.
Das Mädchen schaute auf und sah, dass sich noch mehr Frauen um sie versammelt hatten.
„Ja, erzähl bitte weiter“, bat auch sie.
„Sie war auch eine von den Verrückten“, rief eine der Frauen. „Pscht“, sagte eine andere, „lass sie erzählen.“
„Wenn sie es erzählt, geht alles durcheinander“, sagte eine dritte. „Pscht“, zischten jetzt mehr Frauen und rückten dichter zusammen.
„Erzähl“, bat nun eine vierte. „Es ist Zeit“, sagte eine mit ruhiger Stimme.
„Ja, wir wollen die Geschichte hören“, riefen nun mehrere.
„Ich werde nicht die ganze Geschichte erzählen“, sagte die Alte und tauchte ihre Hand ins Wasserbecken.
„Nur so viel: Als ich zurückkam, wusste ich nicht mehr, wer ich bin.“
„Wusstest du es denn, bevor du gegangen bist?“, fragte das Mädchen.
Überrascht sah die Alte sie an.
„Ich weiß es nicht“, gab sie zu. „Vielleicht wusste ich es vorher auch nicht. Aber ich habe keine Fragen gestellt. Das Leben war einfach.“
„Und dann?“, fragte das Mädchen atemlos.
„Dann hat sie die Freiheit gekostet“, lachte eine Frau aus dem Hintergrund.
„Sei leise!“
„Und wie hat die Freiheit geschmeckt?“
Die Alte seufzte. „So frei war es nicht“, sagte sie schließlich und blickte in die Runde. „Es war weit, aber die Weite kann auch bedrohlich sein.“
Das Mädchen runzelte die Stirn. „Bedrohlich?“, fragte sie verständnislos. „Ich wünschte, ich wäre auch frei“, fügte sie dann hinzu.
„Du siehst doch, was die Freiheit aus ihr gemacht hat“, rief wieder eine.
„Lass sie in Ruhe.“
„Aber das ist die Wahrheit“, gab die Frau zurück.
„Seid still“, sagte die Alte schärfer als beabsichtigt.
„Was ist Freiheit?“, fragte die Kleine plötzlich.
„Du kannst ins Bett gehen, wann du willst“, sagte eine der Frauen spöttisch.
„Oh, das ist schön“, sagte die Kleine und sprang auf.
Das Mädchen bekam ihre Hand zu fassen und zog sie wieder neben sich.
„Bleib hier“, sagte sie, „sonst erfährst du nie, was eine Gefährtin ist.“ Die Kleine schmollte, setzte sich aber wieder. Sie schmiegte sich an die Große. „Was ist eine Gefährtin, Älteste?“
Die Alte schwieg wieder lange und zog ihre Hand durchs Wasser.
„Eine Gefährtin ist eine, die bleibt, auch wenn es hart wird“, sagte sie schließlich. „Die nicht davonläuft, wenn andere sie brauchen.“
Das Mädchen sah sie mit glänzenden Augen an.
„Genau so“, flüsterte sie.
„Eine Gefährtin ist aber auch eine, die sich um die anderen kümmert, mehr als um sich selbst“, fügte die Alte nach einer Weile hinzu.
Ein Raunen ging durch die Frauen. „Um wen denn?“
„Das ist egal. Egal wer“ sagte die Alte.
Schließlich hielt es die Kleine nicht mehr auf dem Boden. Sie sprang auf und lief um das Becken. „Eine Gefährtin!“, rief sie. „Ich bin eine Gefährtin!“
Die Frauen lachten.
Das Mädchen lachte nicht mit.
„Und warum bist du zurückgekommen?“, fragte sie dann. Die Alte ließ ihren Blick über die Köpfe schweifen.
„Es ging nicht mehr“, sagte sie. „Ich wurde hier gebraucht.“
Das Mädchen zog die Luft ein.
„Ich würde nicht zurückkommen“, sagte sie schließlich.
„Aber du bist doch eine von uns“, riefen die Frauen. Das Mädchen presste die Lippen zusammen. „Wenn ich das aber nicht sein will?“
Die Alte sah sie an. „Irgendwann kommen wir alle zurück und versuchen herauszufinden, wer wir wirklich sind.“
„Und weißt du es jetzt?“, fragte das Mädchen. „Nein“, sagte die Alte. „Ich habe aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen.“
Das Mädchen stöhnte auf und verdrehte die Augen. „Wie kannst du dich damit zufriedengeben?“, fragte sie fast ärgerlich.
Die Alte zuckte die Schultern.
In dem Moment platschte es neben ihnen und das Wasser spritzte auf. Die Kleine war direkt neben ihnen ins Becken gesprungen.
Prustend tauchte sie auf. „Heute gehe ich ins Bett, wann ich will!“, rief sie und tauchte wieder unter.
Die Frauen lachten.
„Und ist das Hoftor morgen vor dir sicher?“, fragte eine und verzog ein wenig spöttisch ihre Mundwinkel.
Das Mädchen zuckte mit den Schultern. „Komm raus“, rief sie der Kleinen zu. „Für heute haben wir uns genug hübsch gemacht.“