Die Prinzessin

Die Prinzessin schritt die Reihe der Bewerber ab, die sich im Schlosshof versammelt hatten, um ihr Glück zu versuchen. Neun Männer meinte sie zu zählen.

Sie blieb stehen und musterte den jungen Mann, der als Fünfter in der Reihe stand. Sein Blick flackerte, aber er versuchte, ihr geradeheraus in die Augen zu schauen.

„Wie heißt du?“, fragte sie.

„Lasker, Prinzessin“, antwortete er und verbeugte sich.

„Warum bist du hier?“

„Wegen dir, Prinzessin“, antwortete er, und seine Augen glitzerten, als er verstohlen seinen Blick über sie gleiten ließ.

„Du kannst mir eine Frage stellen“, sagte die Prinzessin und betrachtete ihn abwägend.

 Überrascht kniff er die Augen zusammen.

„Ich dachte, du befragst mich“, gab er zurück.

„Interessante Frage“, sagte die Prinzessin und ging weiter.

Der Nächste in der Reihe war ein dunkler, hochgewachsener Mann von weit her.

„Du hattest einen langen Weg“, sagte die Prinzessin. „Warum hast du ihn auf dich genommen?“

„Für Euch, Prinzessin“, antwortete er wachsam.

„Was erhoffst du?“, fragte sie.

 Er schwieg, und seine Augen blickten über sie hinweg in die Ferne.

„Meine Leute haben Hunger“, sagte er schließlich.

Die Prinzessin nickte und ging weiter.

Wieder blieb sie stehen. Vor ihr stand ein Älterer mit grauen Haaren und einem langen Bart.

„Väterchen“, sagte die Prinzessin überrascht und trat einen Schritt zurück.

Der alte Mann schwieg.

„Falscher Hof“, sagte die Prinzessin schließlich.

Der Mann nickte und begann sich aufzulösen. Sein Platz in der Reihe blieb frei.

Müde setzte sich die Prinzessin auf den Schemel, den die Bediensteten herbeigebracht hatten.

„Setzt euch“, sagte die Prinzessin zu den Kandidaten und ließ auch für sie Schemel heranschaffen.

Die Prinzessin betrachtete nachdenklich die Reihe.

Ihr Blick ruhte auf dem Ersten.

Wir hatten unsere Zeit, sagten ihre Augen stumm.

Der Mann nickte, stand auf und ging.

Sein Schemel blieb etwas verloren auf dem Kies zurück.

Ihre Augen wanderten zum Zweiten.

Du auch, sagte sie und seufzte.

Der Zweite nickte mit unbewegtem Gesicht und stand ebenfalls auf.

Sein Schemel blieb in der Reihe stehen.

Gedankenverloren ließ die Prinzessin ihren Blick auf den zurückgelassenen Hockern ruhen. Sie atmete tief und straffte schließlich ihre Schultern.

Dann richtete sie ihren Blick auf den Dritten.

Du?, fragten ihre Augen stumm.

Er sah sie an und schwieg.

Du?, fragte sie noch einmal.

Schließlich zuckte er mit den Schultern und schickte sich an aufzustehen.

„Bleib noch ein wenig“, bat sie. Er setzte sich wieder.

Die Sonne schien an diesem Tag warm auf den Hof. Die Bediensteten brachten einen Sonnenschirm, den sie für die Prinzessin aufstellten, sodass ihr Gesicht im Schatten lag.

Sie deutete auf die Männer, aber die Diener zuckten nur mit den Schultern und entfernten sich. Die Prinzessin senkte den Blick und schwieg lange.

Die Reihe der verbleibenden Männer begann unruhig zu werden.

Schließlich wandte sie sich an den Fünften.

„Lasker, du kannst gehen“, sagte sie und wandte sich dem Mann zu.

„Ernsthaft?“, gab er zurück. „Was gefällt dir an mir nicht?“

„Eine Frage habe ich gesagt“, gab die Prinzessin scharf zurück. „Nur eine Frage war erlaubt.“

Er schnaubte, stand auf, gab dem Schemel einen Tritt, sodass er aus der Reihe schlitterte, und ging mit erhobenem Kopf aus dem Hoftor.

Draußen sprang er auf sein schwarzes Pferd und galoppierte davon.

Die Prinzessin blickte ihm hinterher, bis er in der Ferne verschwunden war. Dann schloss sie die Augen.

Noch fünf.

Der König und die Königin beobachteten die Szene aus dem Fenster des Thronsaals.

 „Wie soll sie sich entscheiden?“, fragte die Königin und betrachtete ihre Tochter sorgenvoll. „Sie muss“, sagte der König. „So war es immer.“

Der dritte Kandidat, der aussah, als wäre er gerade vom Feld gekommen, stand schließlich auf.

 „Wie lange dauert es noch?“, fragte er.

Die Prinzessin seufzte. „Ich weiß es nicht“, sagte sie, „aber wenn du gehen willst, kannst du gehen.“

Der Mann zögerte einen Moment, dann setzte sich wieder.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Prinzessin, der Schatten verbarg es.

Ihre Augen liefen die Reihe entlang und richteten sich schließlich auf die letzten zwei.

Der eine saß lässig auf seinem Schemel, seine Augen wanderten unruhig über den Hof. Gekleidet war er wie einer aus der Stadt. Eine Hand steckte in der Hosentasche, und seine ursprünglich glänzenden Schuhe waren mit Staub bedeckt.

Der letzte saß aufrecht und sah die Prinzessin unbewegt an. Seine Augen durchdrangen den Schatten des Sonnenschirms.

Die Prinzessin stand auf, näherte sich dem Vorletzten und betrachtete seinen Anzug, sein sorgfältig gekämmtes Haar. Der Mann stand ebenfalls auf. Er warf einen missbilligenden Blick auf seine staubigen Schuhe und wandte sich dann der Prinzessin zu.

„Ich habe etwas für dich“, sagte er dann.

Sie sah ihn erwartungsvoll an. „Was denn?“

Er griff in seine Hosentasche und zog eine kleine Schachtel hervor. Dann ging er vor ihr auf die Knie und öffnete sie. Interessiert kam die Prinzessin näher, um zu sehen, was darin war. Bevor sie etwas erkennen konnte, schnappte er die Schachtel wieder zu.

„Ach“, sagte er nur, stand auf und steckte sie wieder ein.

Halb enttäuscht, halb belustigt lachte die Prinzessin auf.

Der Mann ließ sich wieder in seiner alten lässigen Haltung auf den Schemel nieder, diesmal hatte er die Augen gesenkt.

Auf dem Weg zurück unter ihren Schirm suchte ihr Blick das Fenster, an dem der König und die Königin standen. Die Königin sah zärtlich auf sie herab.

Meine Tochter, sagten ihre Augen, meine Tochter. Die Prinzessin begegnete ihrem Blick.

Mutter, sagte sie stumm.

„Tu etwas“, sagte die Königin zum König. „Die Prinzessin braucht dich.“ Er reagierte nicht, sondern blickte mit unbewegtem Gesicht auf den Hof hinab.

Als die Prinzessin an ihrem Platz angekommen war, hielt sie inne. Sie war kurz davor, sich wieder hinzusetzen. Doch dann drehte sie sich um.

„Nummer 8“, sagte sie etwas lauter als beabsichtigt zu dem Mann aus der Stadt. „Du kannst gehen.“

„Nummer 8?“, sagte der Mann aus der Stadt. „So nennst du mich?“

„Ja“, sagte die Prinzessin. Ihre Stimme schwankte nur ein ganz klein wenig. „Dein Zögern hat dich verraten.“

„Mein Zögern?“, gab er mit einer Schärfe zurück, die ihm die Prinzessin nicht zugetraut hätte.

„Bringt ihn fort“, sagte sie zu den Bediensteten.

„Ich gehe schon“, sagte der Mann und stand auf.

Bevor er den Hof verließ, wischte er seine Schuhe mit einem Taschentuch sauber.

Sie sah ihm hinterher. Fast wollte sie ihm noch etwas hinterherrufen. Sie biss sich aber auf die Zunge und rührte sich nicht.

„Noch vier“, seufzte sie.

Sie wandte sich an den Fremden aus der Ferne.

„Willst du mir jetzt auch eine Nummer geben?“, sagte er spöttisch.

„Nein“, sagte sie. „Ich kann dir nicht helfen. Wende dich an den König.“

Sie drehte sich um und zeigte auf das Fenster.

„Er wird dich empfangen“, fügte sie hinzu.

Der Mann aus der Ferne verbeugte sich leicht. Dann wurde er von einem Bediensteten zum Nebeneingang geleitet.

Die Prinzessin warf dem Dritten, dem vom Feld, einen kurzen Blick zu. Er saß auf seinem Schemel und malte mit der Schuhspitze Linien in den Kies. Die Prinzessin versuchte zu erkennen, was er zeichnete, aber von ihrem Platz konnte sie es nicht sehen. Sie seufzte.

Dann wandte sie sich dem Mann neben ihm zu. Sie hatte ihm bisher noch keine Beachtung geschenkt.

„Nummer 4“, murmelte sie.

Ein seltsames Flirren umgab ihn. Die Prinzessin kniff die Augen zusammen, aber sie konnte ihn nicht wirklich erkennen. Sie trat einen Schritt in seine Richtung, entschied sich dann aber anders. Sie ging zügig zum Letzten in der Reihe.

„Nummer 9“, sagte er lächelnd.

Sie lächelte zurück.

Sie winkte einem der Bediensteten, und er brachte ihren Schemel. Sie setzte sich zu dem Mann und musterte ihn eindringlich.

Er war geradezu beunruhigend unspektakulär. Einfaches Hemd, einfache Hose. Einfache Schuhe. Nichts daran war besonders, aber alles schien von guter Qualität zu sein.

Daneben fühlte die Prinzessin sich in ihrem prächtigen Gewand übermäßig geschmückt. Ihr Diadem fing an zu drücken. Sie nahm es ab und reichte es einer Zofe, die sofort herbeisprang und es ehrfürchtig entgegennahm. Ihr Korsett fühlte sich plötzlich schrecklich eng an. Sie wandte sich an ihre Zofe.

„Hilf mir“, sagte sie.

Die Zofe zögerte und warf einen nervösen Blick zum Fenster, aber der König verzog keine Miene.

Dann begann sie, das Kleid aufzuknöpfen und das Korsett zu lösen.

„Besser“, atmete die Prinzessin auf.

Sie ließ Kleid und Korsett zu Boden gleiten und stieg heraus. Ihre Zofe hob beides auf und brachte es weg.  

In ihrem weißen Unterkleid saß sie nun auf dem Schemel bei der geheimnisvollen Nummer 9.

„Wie heißt du?“, fragte sie schließlich, als nichts weiter geschah und er sie nur freundlich anschaute.

Die Zofe, die ihr Kleid weggebracht hatte, kam zurück und wollte ihr ein Tuch um die Schultern legen.

„Nein“, sagte die Prinzessin. „Mir ist nicht kalt.“

Nach einem weiteren Blick der Zofe zum unbewegten Gesicht des Königs wandte sie sich zum Gehen, das Tuch ordentlich über dem Arm.

„Warte“, sagte die Prinzessin, beugte sich hinab, öffnete die Schnallen ihrer Schuhe und zog sie aus.

„Die sind auch eng“, sagte und reichte sie zusammen mit den Strümpfen der Frau.

Die Zofe wirkte nicht begeistert, nahm aber alles entgegen und zog sich zurück.

Die Prinzessin grub erleichtert ihre nackten Zehen in den Kies.

„Wie heißt du?“, wiederholte sie.

Er antwortete nicht.

Die Prinzessin setzte sich aufrecht hin.

„Ich bin …“, sie zögerte. „Die Prinzessin“, sagte sie dann, „Tochter meines Vaters, dem König, und meiner Mutter, der Königin.“

Der Mann warf einen kurzen Blick auf das Fenster, in dem immer noch das Königspaar stand.

„Ich bin“, sagte er dann langsam und hielt inne.

„Hans“, sagte er schließlich. „Nur Hans.“

Die Prinzessin starrte ihn ungläubig an. Dann fing sie an zu kichern. Das Kichern breitete sich zu einem Lachen aus, das ihren ganzen Körper erschütterte.

Hans lachte mit.

Mit Tränen in den Augen brachte sie schließlich hervor:

„Hans. Woher kommst du?“

„Nicht weit von hier“, sagte er wieder ernst. „Nicht weit.“

Die Prinzessin gluckste ein letztes Mal, dann strich sie sich über ihr Unterkleid, als wäre es ihre prächtige Robe.

„Nicht weit“, wiederholte sie nachdenklich. „Ist es schön dort?“

„Ja“, sagte Hans, „es ist der schönste Ort der Welt.“

„Warum bist du dann hier?“, fragte sie. „Wenn es dort so schön ist.“

Hans antwortete nicht sofort.

Tatsächlich erschien es der Prinzessin, als sei ein ganzer Tag und eine ganze Nacht vergangen.

Dann sagte er: „Ich hatte einen Auftrag.“

„Von wem?“

„Von dir.“

„Von mir?“, antwortete sie überrascht.

„Ja, von dir.“

„Welchen Auftrag?“, fragte sie.

„Dich zu erinnern.“

„Zu erinnern?“

„Ja.“

Sie dachte nach. Betrachtete ihn von oben bis unten.

„Erinnern?“, fragte sie zweifelnd. „Ich erinnere mich nicht.“

„Ja“, sagte er, „das sehe ich.“

„Dann sag es mir“, sagte die Prinzessin und stampfte ein wenig mit dem Fuß auf.

„Dann gilt es nicht“, erwiderte Hans.

„Was gilt dann nicht?“, rief die Prinzessin verzweifelt.

Hans schwieg.

„Bist du der, den ich wählen soll?“, fragte sie dann.

„Nein“, sagte er.

„Dann geh“, rief sie.

„Nein“, wiederholte er ruhig.

Sie holte tief Luft und wollte etwas erwiedern. Aber ihr fiel nichts ein. Rein gar nichts.

„Schön“, sagte sie schließlich, „dann bleib eben.“

Sie wandte sich ab und ging, so würdevoll es ging, barfuß über den Kies zurück.

Die Zofe stand mit den Schuhen bereit, aber sie winkte ab.

Sie nahm ihren Platz unter dem Schirm wieder ein.

„Immer noch drei“, sagte sie. Obwohl, wenn Hans ausschied, blieben noch zwei.

Der Mann vom Feld hatte aufgehört, Linien in den Kies zu zeichnen, und saß einfach nur noch da.

„Du kannst gehen“, sagte die Prinzessin müde zu ihm.

Überrascht hob er den Kopf.

„Warum?“, fragte er.

„Weil du offensichtlich nicht hier sein willst“, sagte die Prinzessin. „Entschuldige, dass ich dich festgehalten habe.“

Er nickte langsam.

„Ja“, sagte er dann und stand auf.

Er beugte leicht den Kopf und wandte sich dann zum Gehen.

„Gute Ernte“, rief die Prinzessin ihm hinterher.

Sie sah zu Hans, der sie immer noch aufmerksam ansah. Durch den Schatten.

Seufzend wandte sie sich ab und blickte wieder zu Nummer 4. Das Flirren war stärker geworden, je mehr sie sich anstrengte, desto weniger sah sie.

„Ich bin müde“, sagte sie schließlich.

Hilfesuchend wandte sie sich zum Fenster des Thronsaals.

Doch dort stand niemand mehr.

Als sie sich wieder dem Flirren zuwandte, meinte sie für einen kurzen Moment, ein kleines Mädchen zu erkennen.

Erschrocken sah sie zu der Stelle, an der gerade noch Hans gesessen hatte.

Er war fort.