Das Haus

Die Tochter stand vor dem Haus und starrte es lange an. „Ich hasse dich“, sagte sie laut und bereute es sofort. „Ich liebe dich“, sagte sie schnell hinterher. „Aber ich kann nicht atmen.“

„Atme“, antwortete das Haus in ihrem Inneren. „Ja“, sagte die Tochter, „wie?“ „Rede mit deinem Vater“, sagte das Haus und versank in Schweigen.

„Papa“, flüsterte die Tochter, „ich weiß nicht, was ich tun soll. Bitte hilf mir.“

Der Vater schwieg. Seit seinem letzten Besuch am Frühstückstisch hatte er sich nicht mehr gemeldet.

„Ich will hier weg“, sagte sie. „Es ist so eng.“

„Dann geh“, sagte ihr Vater aus der Ferne. „Du bist frei.“

„Dann habe ich gar nichts mehr“, flüsterte die Tochter.

„Du bist frei“, wiederholte er.

„Ich bin frei“, wiederholte sie schwankend.

Sie drehte sich um und ließ das Haus zurück. Obwohl der Wunsch fast übermächtig war, zurückzugehen und sich an die Mauern zu klammern, ging sie vorwärts, weg vom Haus. Als sie weit genug entfernt war, drehte sie sich um. Ihre Beine zitterten vor Anstrengung.

Sie sah, wie das Haus zusammenfiel, wie eine Pappkulisse im Theater.

Die weite, vertraute Landschaft breitete sich vor ihr aus. Die sanften und schroffen Berge und Hügel.  Die dunkelgrüne, trockene Weite.

„Ich bin frei“, wiederholte sie und ging weiter.

Ich bin frei …