Es wurde Frühling, es wurde Sommer. Hans und seine Frau hatten alle Hände voll zu tun.
Das zweite Kind war unterwegs, und Hans beobachtete, wie seine Frau von Tag zu Tag runder wurde. Manchmal, wenn er auf dem Feld arbeitete, gingen seine Gedanken zum Schloss und zur Prinzessin. Er fragte sich, ob sie sich auf den Weg gemacht hatte, was sie erlebte und wo sie gerade war.
So war er nicht überrascht, als es eines Abends ans Hoftor klopfte. Er hatte gerade noch einmal nach seiner Stute geschaut, die etwas lahmte. Sonst hätte er das leise Klopfen gar nicht gehört.
Er öffnete den schweren Torflügel.
Das Erste, was er sah, war das wild entschlossene Gesicht der Prinzessin. Ihre Haare hingen ihr ein wenig wild in die Stirn, aber sonst sah sie aus wie immer.
Sie trug immer noch ihr weißes Unterkleid, auch wenn es inzwischen schon etwas grau war vom Reisestaub.
Dann sah er das kleine Mädchen an ihrer Hand. Der gleiche wild entschlossene Blick, die Lippen zusammengepresst. Er konnte nicht erkennen, ob ängstlich oder herausfordernd. Auch ihr Kleid war grau vom Weg.
„Prinzessin“, sagte Hans freundlich.
Dann wandte er sich an die Kleine.
„Willkommen auch du.“
Das kleine Mädchen drückte sich an die Prinzessin und verbarg ihr Gesicht in den Falten ihres Kleides.
Hans trat einen Schritt zurück.
„Möchtet ihr reinkommen?“
Die Prinzessin nickte. Noch hatte sie kein Wort gesagt.
Hans machte eine einladende Geste.
Etwas zögerlich, aber immer noch mit dem gleichen entschlossenen Ausdruck, betraten die beiden den Hof.
Im gleichen Moment kam Hans‘ Frau aus der Tür des Wohnhauses. Auch in ihren Rockfalten versteckte sich ein kleines Mädchen. Es konnte gerade so laufen.
Die Prinzessin sah überrascht auf die beiden Gestalten. Dann schien es Hans, als würde sie erleichtert ausatmen, ihr Gesicht entspannte sich.
„Wir haben Besuch“, sagte Hans zu seiner Frau.
„Das sehe ich“, sagte sie freundlich lächelnd und kam näher.
„Das ist die Prinzessin“, sagte Hans zu seiner Frau. „Und das ist …“
Er zögerte und deutete auf das kleine Mädchen, das sich immer noch fest an die Prinzessin drückte.
Seine Frau lachte.
„Ein kleines Mädchen“, sagte sie freundlich. „Kommt rein.“
Dann sah sie die nackten Füße der beiden, die vor Dreck starrten.
„Kommt rein“, sagte sie noch einmal. „Ich glaube, ihr braucht ein Bad und etwas zu essen.“